Thomas Friz: „Im Scheitern liegt der Erfolg“

Kornelius Friz | Kulturjournalist

An einem Sonntag im Herbst 1969 stürmt Thomas Friz die Tübinger Stiftskirche. „Eh du predigst, versöhne Dich mit deiner Schwester“, rufen er und seine Kommilitonen von der Basisgruppe Theologie, die Bergpredigt zitierend. Vorwurfsvoll richten die Theologiestudenten ihre beschrifteten Transparente in Richtung Kanzel. Dort versucht der Landesbischof Erich Eichele vor der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche die letzte Predigt seiner Laufbahn zu halten, bevor er den Ruhestand antrat. Genau das will Thomas Friz, selbst im Pfarrhaus aufgewachsen, verhindern, da Eichele die Kommilitonin Regula Rothschuh durch das Examen rasseln ließ. Wegen einer Handvoll aufmüpfiger Theologiestudenten musste die Tübinger Gemeinde also auf die lang erwartete Predigt des ehrwürdigen Erich Eichele verzichten. Auch ein Freund der Familie Friz, der Oberkirchenrat Gottschick war damals vor Ort. Gleich am Nachmittag erzählt er Thomas‘ Vater, dem Stuttgart Pfarrer Hans Friz, vom Aktivismus seines Sohnes: „Da war auch dein Sohn dabei!“ Obwohl die Studenten anschließend durch die Gemeindehäuser ziehen, um „Aufräumarbeiten“ zu leisten und sich für ihre Überreaktion zu entschuldigen, bricht der 20-jährige Thomas Friz sein Theologiestudium in Tübingen bald darauf ab. Der Grund dafür bleibt unklar. Die seelsorgerische Arbeit als Pfarrer hätte er sich sowieso nicht vorstellen können, sagt er heute: „Ich hatte einfach nicht dasselbe Gottvertrauen wie mein Vater. Die Erwartungen einer Gemeinde hätte ich nie erfüllen können.“

Musiker statt Pfarrer

Stattdessen wurde Thomas Friz Liedermacher. Thomas Friz ist der Bruder meines Vaters. Diese Geschichte erzählt er an seinem 66. Geburtstag nicht zum wiederholten Male. Vielleicht, weil sie einen Wendepunkt in seinem Leben darstellt. Vielleicht, weil sie ein erstes von einigen Ereignissen ist, das seinem Leben von heute auf morgen eine vollkommen andere Richtung gab. Wir sitzen in der Bauernstube des Strudelhofs, wenige Serpentinen unterhalb seines jetzigen Heimatortes Hohenstaufen. Zur Feier seines Geburtstages essen wir gemischten Braten mit Spätzle und Soß‘. Seit ich ihn ziemlich genau vierzig Jahre nach seiner kirchlichen Protestaktion schwer betrunken auf der Straße eingesammelt habe, ist er für mich nicht mehr nur der kauzige Onkel mit den langen grauen Haaren und der Gitarre. Wenn ich ihn zur Beerdigung seiner Mutter oder zu Geburtstagen abgeholt habe, hat er in mir ein offenes Ohr gefunden für seine Geschichten über Wolf Biermann und Rudi Dutschke. Auch von seinem Vater hat er mir erzählt, der ihm in seiner Bibliothek neue Welten eröffnete. Nun versucht Thomas, mir mit stoischer Beharrlichkeit Alfred Andersch und Ror Wolf nahezubringen: Die müsse ich unbedingt lesen.

Dass ich Thomas nun eingeladen habe, von seinem Leben, insbesondere von seiner Karriere als Musiker zu erzählen, ist Folge des lange gehegten Wunsches, den nicht selten zum „schwarzen Schaf“ erklärten Onkel besser kennenzulernen. Nicht erst bei diesem Interview drängen sich Parallelen abseits der Physiognomie auf: Wir sind beide im Pfarrhaus aufgewachsen und genau wie Thomas habe ich mein erstes Studium abgebrochen. Freundinnen, denen ich von der Idee erzähle, meinen Onkel zu porträtieren, fragen, ob ich in ihm eine Vaterfigur suche. Ob ich meinen Onkel um seine Radikalität beneide. Um seinen Ausbruch aus dem Bürgertum oder vielleicht zumindest um den Zeitgeist des Aufbruchs, den er als junger Musiker miterlebt hat. Auch wenn ich all diese Deutungen leichtfertig beiseite wische, beeinflussen sie doch unsere Gespräche Anfang März, von denen ich selbst nicht weiß, was ihr Ziel sein soll. Vielmehr als ein bestimmtes Ergebnis interessiert mich, was dieser Prozess mit ihm, mit mir, mit unserer Beziehung macht.

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