Die Toten kehren auf Samtpfoten zurück

Kornelius Friz | Kulturjournalist

Wie Gefangene der Dunkelheit kauern die Darsteller im Zwielicht, um von dort aus, um von dort aus, nahezu regungslos, doch mit der Entschlossenheit einer Raubkatze ihre malaiischen, japanischen und chinesischen Texte ins Publikum zu speien: „Jeder Tiger ist die Erweiterung eines Ahnen.“ Der Tiger, durch die Waldrodungen der britischen Kolonisatoren im neunzehnten Jahrhundert auf der malaiischen Halbinsel beinahe ausgerottet, ist im heutigen Malaysia nach wie vor von großer Bedeutung. „Ten Thousand Tigers“ nähert sich dem sagenumwobenen Tier im Menschen und dem Menschen im Tiger, dem sogenannten Wertiger, mit einer ausgeklügelten Soundcollage. Auf leisen Pfoten kommt das Stück aber nicht daher; in düsterer Atmosphäre wird der Mythos Tiger ausgeleuchtet, der ebenso für blindes Blutvergießen steht, wie, so überliefern es malaiische Legenden, für die Seelen der verstorbenen Vorfahren.

Der Regisseur und Autor Ho Tzu Nyen aus Singapur bezeichnet das Werk gar „als eine art Séance, bei der wir spirituelle Kanäle für eine flüchtige Rückkehr des malaiischen Tigers erschaffen können.“ Dazu nutzt er ein imposantes und ansehnlich beleuchtetes, das heißt in diesem Fall vor allem beschattetes Bühnenbild, das gleich einem Setzkasten aus zahlreichen Mikrobühnen besteht. Diese werden entsprechend vielfältig genutzt: Als Schattentheater, Aktenschrank oder Urwaldszene. Wasserbecken, Grammophone, Fernsehbildschirme, auf denen Tigerdokus laufen sowie historische Aufnahmegeräte, Foto- und Fernmeldeapparate erschaffen gemeinsam mit dem liebevoll gewobenen elektronischen Klangteppich eine mystische Urwaldstimmung und zugleich eine zwar bewegungslose, aber dennoch rasante Weltkriegsszenerie.

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Foto © Festival Theaterformen