Performance statt Hausarbeit

Kornelius Friz | Kulturjournalist

Die fünfte Jahreszeit steht bevor. Als Narren, Jecken und Harlekine gehen die Menschen dann auf die Straße. Sie verkleiden sich, wollen einmal ein Anderer sein und die eigenen Pflichten hinter sich lassen. So werden die Straßen, nicht nur in Köln und Düsseldorf, zur gigantischen Bühne, auf der sich inszenieren kann, wer immer auch mag. In der Menge fällt das Individuum ja doch nicht auf.

Karnevalszeit bedeutet für die meisten Studierenden, dass die Klausuren geschrieben sind. Die eine oder andere Hausarbeit steht zwar noch an, doch das Lernen hat vorerst ein Ende, die „Dialektik der Aufklärung“ sowie „Substantialistische Machttheorien I und II“ haben längst Platz gemacht für Kölsch und Fasnachtsküchlein.

Solo für Leistungspunkte

Nicht so in der Theaterwissenschaft. Wer sich dort prüfen lässt, muss kein enormes Wissenspensum von fragwürdiger Relevanz in kürzester Zeit aufnehmen, um es ein einziges Mal wortgetreu wiederzugeben. Dort, in der Theaterwissenschaft, kann es reichen, sich selbst auszustellen. Anders als beim Bulimie-Büffeln macht diese Art der Prüfungsleistung den Prüfling allerdings zu einem Anderen als er vorher war, möglicherweise sogar dauerhaft. Ich selbst habe mich gleich einem Angorahasen in einem Ladengeschäft auf der Leipziger Subkulturmeile Georg-Schwarz-Straße selbst geschoren. Im Schaufenster habe ich eine geeignete 360-Grad-Bühne für diese Performance gefunden. Etwa eine Stunde lang stand ich als Prüfling dort, um mich mit einem Nassrasierer und fünf Klingen alle Körperhaare zu entfernen.

„Connected Brilliance: Andy Warhol und Joseph Beuys“ heißt das Blockseminar, das die Schauspielerin und Dozentin Martina Bako am Leipziger Institut für Theaterwissenschaft im zurückliegenden Wintersemester anbot. Dieses ist im Oktober letzten Jahres mit neu konzipierten Studiengängen zwar nicht so elegant wie ein Phönix aus der Asche gestiegen, doch immerhin: Die Kürzungsbemühungen des Uni-Rektorats konnten durch die Labels „innovativ, transdisziplinär und transkulturell“ zunächst abgewendet werden. Wer nun in diesem Master-Seminar Leistungspunkte ergattern will, muss eine Soloperformance im Sinne eines der oder beider Künstler konzipieren und aufführen. Beuys und Warhol – kaum jemand hat die Performance- und Videokunst dies- und jenseits des Atlantiks so stark geprägt wie die befreundeten Pop-Pioniere von den sechziger Jahren an.

Körpergedächtnis auf dem Prüfstand

Dass es Überwindung kostet, sich beinahe unbekleidet in einem Schaufenster zu zeigen, um das Intimste, die eigene Körperpflege, auszustellen, war nicht überraschend. Eher schon, dass nach den ersten enthaarten Körperpartien, den Beinen, Zehen und Achseln, eine gewisse Routine einsetzte. Hilfreich war hierfür sicherlich der geschützte universitäre Rahmen unter Verantwortung einer Dozentin. Im Stadtkern wären die Reaktionen sicher diverser, womöglich ablehnender ausgefallen als in diesem beifälligen Kontext, vor lauter Gleichgesinnten. Tatsächlich habe ich noch nie eine so durchweg positive Rückmeldung auf eines meiner Werke bekommen. Für die passierenden, also unfreiwilligen Betrachter ist diese Aktion hingegen eine größere Herausforderung. Ihnen fehlen Informationen zu den Beweggründen der Inszenierung. Viele sind trotzdem stehen geblieben, wollen sich zumeist auf die skurrile Szene einlassen und nicht abgrenzen: Man kommt miteinander ins Gespräch, einer erzählt von einer Wette, bei der er seine eigenen Haare verloren hat, eine andere filmt, während sie auf ihre vegane Pizza wartet, die gesamte Aktion und trägt somit maßgeblich zur Dokumentation bei.

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Foto © Max Beckmann