Tussi wacht auf

Naumburg spielt jetzt auf der ganz großen Bühne mit: Am vergangenen Sonntag wurde der Naumburger Dom offiziell als Weltkulturerbe in die Liste der UNESCO aufgenommen. Anders als in dem im September 2017 uraufgeführten Historiendrama „Ich, Uta“ ist die Protagonistin auf der Bühne des Theaters Naumburg heute jedoch nicht die berühmte Stifterfigur Uta aus dem Dom, sondern Henrik Ibsens Nora.

Nora, erschaffen 1879 und häufig als erste Feministin der neuzeitlichen Dramengeschichte gefeiert, kommt in Naumburg zunächst recht dümmlich daher. Passend zum Spielzeitmotto „Geld, Geld, Geld“ giert sie auf nichts anderes als die Hunderter, die ihr Ehemann Torvald (Markus Sulzbacher) ihr zusteckt. Dass das rote Spitzenkleid dabei hochrutscht und nackte Haut offenbart, ist kein Zufall, sondern Kalkül. Wobei, lange bleibt unklar, wie viel Kalkulation dieser Nora tatsächlich zuzutrauen ist. Maribel Dente spielt sie nicht nur kapriziös und kindlich, wie Ibsen sie zeichnete, sondern geradezu damisch und im wahrsten Sinne puppenhaft.

Auch die Bühne der Inszenierung des Naumburger Intendanten Stefan Neugebauer sieht aus wie eine einzige Puppenstube. Wie bei einer Modenschau sitzt das Publikum auf beiden Seiten eines Laufstegs, der bis zur Wand hoch mit einem altrosa Flauscheteppich ausgelegt ist. „Wie behaglich wir es hier haben“, sagen sich Nora und Torvald Helmer immer wieder, bis auch der letzte Zuschauer misstrauisch geworden ist. Bei Helmers ist nämlich trotz der neuen finanziellen Sicherheit dank Torvalds Berufung zum Bankdirektor längst nicht alles so behaglich wie es scheint. Davon zeugt auch der Ramsch unter dem flauschigen Laufsteg. Dort liegen alte Koffer und Stühle, Lampenschirme und Transistorradios, die vergebens darauf warten, […]

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Foto © Torsten Biel