Todesschatten der Blankverse

Maria steigt aus dem Dunkel des Unterbodens auf die Bühne. Auf halber Höhe bleibt sie stehen und schaut ins Parkett. Lange tut sie keinen Schritt weiter, steht unbeweglich einfach da. Hinter Maria Stuart liegt der Kerker, vor ihr die Rampe, von der aus sie in den nächsten Abgrund sieht: ins Publikum. Um sie herum kreisen die Männer wie ferne Planeten. Sie alle versuchen, an die unglückselig Gefangene heranzukommen. Doch kaum einmal schaut sie einen von ihnen wirklich an: nicht Paulet, ihren Wächter, nicht dessen Neffen Mortimer, den jugendlichen Eiferer und später auch nicht den Grafen von Leicester (Ahmad Mesgarha), von dem man nie weiß, ob er seine Intrigen zu ihren Gunsten spinnt oder ob er zu seiner Liebhaberin Elisabeth hält und wie alle anderen sehen will, dass Marias Kopf rollt.

Schreie und Tränen

Maria Stuart, gespielt von Anja Laïs, trägt einen unprätentiös orangefarbenen Ganzkörperanzug, wie man ihn von den inhaftierten Frauen aus der Serie Orange is the new Black kennt, doch im Gegensatz zu ihnen ist sie alleine einsam und nicht einsam unter Vielen. Seit neunzehn Jahren ist die schottische Königin bereits eingekerkert, als Friedrich Schillers Drama einsetzt. Gebrochen müsste sie also vor uns stehen oder zumindest wütend über die Verfrorenheit der Königin Elisabeth von England, die Maria einfach wegsperrte, als sie des Mordes an ihrem Gatten beschuldigt wurde und zu ihrer Verwandten nach London geflohen war. Doch nichts davon. Mit laufender Nase und verwaschener Sprache wackelt sie von einem Bein auf das andere. Zu keinem Zeitpunkt jedoch…
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Foto © Sebastian Hoppe