Make Schwyz Great Again!

Wer in Weimar „Wilhelm Tell“ inszeniert, droht zweifach zu scheitern. Zunächst darf man dem Herrn Schiller nicht zu untreu werden, was Jan Neumann seinem Tell vorsichtshalber sogleich voranstellt, indem er zwei Karikaturschweizern die Meta-Ebene sowie Äpfel aus Esspapier und Pappe umlegt. Und zugleich sollte man sich hüten, nicht nur in Weimar, den vollbesetzten Saal mit Schillers Versen in den Schlaf zu leiern, wie es den meisten im Publikum als Pennäler womöglich schon einmal passiert ist. Siehe da, Neumann wagt den Balanceakt und gewinnt.

Weder lässt er sich vom Echo der überdimensionalen Vorlage einschüchtern, das von den schneebedeckten Alpengipfeln bis nach Weimar schallt, oder beängstigen vom Schatten des geschichtsträchtigen Deutschen Nationaltheaters. Noch ertränkt Schillers Sprache den Elan des Ensembles oder die Relevanz, die der Stoff bis heute hat.

Gegenwart und Dichtung verschwimmen

„Wilhelm Tell“ und „Trutz“ von Christoph Hein sind die zwei Premieren, die „Die Woche der Demokratie“ in Weimar eröffnen. Umrahmt werden sie von einem vielseitigen Kultur- und Vortragsprogramm sowie von der feierlich verkündeten Thüringer Erklärung der Vielen, die der Intendant Hasko Weber dem großen Drama unmittelbar voranstellt. Die Fragen nach Heimat, Gehorsam und Macht schwappen unmittelbar hinüber in Neumanns „Tell“, Gegenwart und Dichtung verschwimmen an diesem Abend immer wieder. Wie Schafe und Ziegen scharwenzeln die Gesandten aus Schwyz, Uri und Unterwalden um ihren Protagonisten mit der Armbrust herum, der zumeist trotzdem ziemlich allein dasteht, ganz getreu dem Tell-Zitate-Bingo „Der Starke ist am mächtigsten allein“.

Das Ensemble ist ebenfalls stark und balanciert…

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Foto © Candy Welz