Die letzte akzeptierte Diskriminierung

Kornelius Friz | Kulturjournalist

Zur Begrüßung reicht er die linke Hand. Steven Solbrig trägt Stiefel, einen dunklen Mantel und eine unauffällige Mütze. Es ist einer der letzten sonnigen Herbsttage, ein schneidender Wind zieht durch die Grabreihen auf dem Hildesheimer Nordfriedhof. Am Eingang des Friedhofs wartet Solbrig. Er ist lange vor der verabredeten Zeit am Treffpunkt. Seine Rechte bleibt in der Manteltasche.

Steven Solbrig ist behindert. Laut seinem Behindertenausweis liegt die Beeinträchtigung durch seine Behinderung bei 40 Prozent. Damit ist er zehn Prozentpunkte von einer Schwerbehinderung entfernt.

Ahorn- und Eichenblätter bilden einen rauschenden Teppich in Goldbraun. An einem Grab hocken zwei Restauratorinnen. Wortlos kratzen sie die Buchstaben und Zahlen auf den Grabsteinen aus, bis die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen wieder sichtbar werden. Solbrig kommt sofort ins Erzählen. Bei heiklen Themen zögert er nicht und er scheint nichts auszulassen. Obwohl er seinen Gesprächspartner kaum zu Wort kommen lässt, wird deutlich, wie geschärft seine Aufmerksamkeit ist. Er vertraut.

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