Langzeitstudenten: Zwischen Freiheit und Zwang

Philipp Müller sitzt seit sechs Uhr dreißig am Schreibtisch und schneidet einen Videobeitrag über einen Wolf, der in Niedersachsen gesichtet worden sein soll. Er studiert den praxisorientierten Bachelorstudiengang Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim. Das kommende ist sein 16. Hochschulsemester, doch das Video, das er aufbereitet, ist kein Beitrag für einen Modulabschluss, geschweige denn für seine Bachelorarbeit. Es ist eines von zahlreichen Kurzvideos, die Müller für das niedersächsische Onlineangebot des NDR fertigt. Dort arbeitet der Student im Schnitt vierzig Stunden im Monat, mehrmals die Woche pendelt er dafür mit dem Zug nach Hannover.

Studierende wie Philipp Müller sollte es eigentlich nicht mehr geben, wenn es nach Bologna geht. Mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen sollte von 2002 an die Dauer eines Studiums begrenzt, die Lehre effizienter gestaltet werden. Auch weniger Studienabbrüche und keine Langzeitstudierenden waren Ziel der Reform. Und tatsächlich ist die durchschnittliche Studiendauer von Erstabsolvierenden in den zehn Jahren bis 2016 von 11,2 Semester auf 7,8 Semester gesunken. Die Rechnung ist dennoch nicht restlos aufgegangen. Auch im Wintersemester 2016/17 gab es laut Statistischem Bundesamt noch knapp 35.000 Studierende, die im zwanzigsten oder einem höheren Fachsemester eingeschrieben waren, Urlaubssemester und abgebrochene Studiengänge zählen nicht dazu. Von 2,8 Millionen Studierenden sind sogar 140.000 älter als sechsundvierzig Jahre. Nach Eigenangaben soll es an der TU Braunschweig sogar einen Spitzenreiter geben, der achtundachtzig Semester auf dem akademischen Kerbholz hat, also spätestens 1974 erstmals eingeschrieben war.

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Es gibt viele Gründe für ein Langzeitstudium, gute Gründe. Johannes Noack hat sich 2002 an der Universität Leipzig immatrikuliert und seitdem Philosophie, Arabistik, Logik und Wissenschaftstheorie, Komparatistik sowie Religionswissenschaft studiert. Nur: Er hat nach sechzehn Jahren und achtzehn Fachsemestern noch immer keinen Abschluss. Die Frage, wo sie sich in fünf Jahren sehen, ist für die meisten Geisteswissenschaftsstudierenden nicht einfach zu beantworten. Johannes Noack hingegen zögert nicht: „Letztes Jahr hätte ich gesagt, ich sei in fünf Jahren tot. Was nun kommt, …

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