Wohnen müssen ja alle

Falsche Waffen und falsche Fünfhundert-Euro-Scheine werden in die Kamera gehalten. Eine Handvoll Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren steht um einen 3er-BMW herum, sie tragen Sonnenbrillen, Tattoos und die obligatorisch schweren Silberketten um den Hals. Die Freunde kommen aus Salzburg, haben sich aber im Internet kennengelernt. Ihre Tracks heißen „1 Berg Money“, „Fußballstar“ oder „Millionen Euro“. In ihrer Mitte sitzt Young Krillin: Brille, Mütze, rötlicher Bart. Auch er rappt und raucht wie die anderen, doch er ist der einzige von ihnen, der sitzt. In einem Elektrorollstuhl.
 

Weder in Interviews noch in seinen Rapsongs geht es vordergründig um Behinderung oder Diskriminierung. Dabei könnte der Österreicher sich zu einem Botschafter aufspielen für eine Inklusionsbewegung, die an Fahrt aufnimmt, aber im Grunde noch längst keine Bewegung ist. 2009, vor bald einem Jahrzehnt, hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Darin steht, dass allen Menschen ein Recht auf gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben haben.

In der Praxis ist die Konvention allerdings längst noch nicht umfassend umgesetzt. Zwar gibt es zahllose vor allem kulturelle Initiativen, etwa für professionelles Theater mit Menschen mit Behinderung, doch inklusiv sind die wenigsten. Die zwei zentralen Bereiche, in denen sich viele Beteiligte besonders schwertun, sind jedoch der Arbeitsmarkt sowie die schulische und weiterführende Bildung. Sowohl Arbeitgebern als auch Lehrerinnen und Eltern fehlt oft das Wissen, aber auch der Wille dazu, inklusive Modelle anzugehen. Und das, obwohl wissenschaftlich erwiesen sei, so der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen kürzlich im Deutschlandfunk, dass auch Kinder ohne Beeinträchtigung von vielfältigen Klassen profitieren – vorausgesetzt, die Pädagogen seien entsprechend ausgebildet. Die staatliche Förderpolitik ist hingegen in entscheidenden Bereichen zweigleisig. Zunächst mit separaten Förderschulen statt gemeinsamem Lernen mit individueller Unterstützung, später mit Behindertenwerkstätten, in denen Menschen mit Beeinträchtigung weit unter Mindestlohn beschäftigt werden.

Einer, der Inklusion durch die Hintertür möglich machen will, ist Tobias Polsfuß. Der Fünfundzwanzigjährige lebt in München in einer Wohngemeinschaft mit acht anderen Menschen zwischen 22 und 45 Jahren. Vier davon haben eine sogenannte geistige Behinderung. Polsfuß, gebürtiger Landshuter, studiert im Masterstudiengang „Gesellschaftlicher Wandel und Teilhabe“. Seine Großstadtmiete finanziert er sich mit fünf Unterstützungsdiensten pro Monat.

Sein Tag beginnt dann mit dem Wecken derer, die geweckt werden wollen. Anschließend hilft er beim Waschen und Ankleiden. Abends kocht für die gesamte WG, gemeinsam mit einer Fachkraft und jedem, der mitmachen möchte. Einen Nachteil darin, einen Beruf mit festen Schichten nach Hause geholt zu haben, sieht er nicht: „Der Aufwand und meine Ersparnis…

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Foto © Tobias Polsfuß