Beschneidet Amazon die Gedankenfreiheit?

Kornelius Friz | Kulturjournalist

Amazon bezahlt seinen E-Book-Autoren 0,006 amerikanische Cent pro gelesener Seite. Bedeutet das eine Gefahr für das Schreiben und vor allem das Endprodukt, den Text?
Man könnte den Spieß auch herumdrehen: Was ist interessant daran? Man sagt ja immer sofort, dass nun nur noch Cliffhanger eingebaut würden. Aus Autorenperspektive gesehen, ist es aber nicht so einfach, so zu schreiben. Natürlich gibt es Schreibratgeber, wie man einen Thriller oder eine Sitcom schreibt oder wo man einen Plot-Point setzt. Diese Art des Schreibens würde aber bedeuten, dass jahrtausendealte Erzähltraditionen ausgesetzt würden, um algorithmische Muster an deren Stelle zu setzen. Das aber gibt es längst, zum Beispiel vor Jahrzehnten in Frankreich durch „Oulipo“ (Ouvroir de littérature potentielle). Da sind quantitative Methoden längst erprobt worden und zwar selbstverständlich ohne jeden ökonomischen Erfolg.

Welche Auswirkungen hat Amazons neues Vergütungsmodell auf die professionelle Verlagslandschaft und deutschsprachige Autoren generell?
Erst mal gar keine. Das Modell betrifft schließlich nur bestimmte Autoren, nämlich vor allem Selfpublisher. Es geht also um eine überschaubare Menge und eine überschaubare Art von Texten. Um sehen zu können, wie es darüber hinaus weitergeht, muss man zwei Parameter wissen: Welche Zeichenzahl gibt Amazon als eine Seite vor und zweitens, wie viel Zeit muss ein Leser auf einer Seite verbringen, damit sie als gelesen gilt. Darüber schweigt Amazon bisher. Wenn man beides wüsste, könnte man versuchen, den Leser dazu zu bringen, dranzubleiben. Da käme man allerdings ziemlich rasch zu einer riesengroßen Zahl an Texten, die alle gleich funktionieren.

Laut Amazon haben die Autoren um die Abschaffung der bisherigen Tantiemen-Zahlung gebeten. Hat die neue Regelung Vorteile für Autoren?

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Foto © Johanna Baschke