Wunden, lange nicht verheilt

Alle reden davon, dass die Badeanstalt wieder aufmacht. Und wenn es am Sonntag noch immer so warm ist, können Emma und ihre Freundinnen endlich schwimmen gehen. Wobei, im Grunde hat Emma gar keine Freundinnen. Sie ist neu in der Stadt, nachdem eine krude Alte sich als ihre Oma ausgab und sie aus dem Waisenhaus abgeholt hatte. Dreizehn Jahre alt ist die Protagonistin Emma, aushalten muss sie jedoch eine Menge. Ceaușescu wurde vor kurzem gestürzt, und ihre Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Die Schuld hierfür gibt Emma natürlich sich selbst.

Drei Fassungen

„Der Scheiterhaufen“, am Staatsschauspiel Dresden in einer Inszenierung von Armin Petras uraufgeführt, ist in einer außergewöhnlichen internationalen Kooperation entstanden. Auf Grundlage des Romans von György Dragomán, der als Angehöriger der in Siebenbürgen lebenden ungarischen Minderheit in Rumänien aufwuchs, erarbeitete der Stuttgarter Intendant eine, genauer gesagt: drei kammerspielhafte Bühnenfassungen. Nach gemeinsamen Proben auf Englisch mit je zwei Darstellerinnen aus Ungarn, Rumänien und Deutschland werden an den jeweiligen Theatern in Sibiu, Budapest und später auch in Stuttgart drei verschiedene Versionen des Werks zu sehen sein.

In der deutschsprachigen Fassung spielen Lea Ruckpaul und Viktoria Miknevich aus dem Stuttgarter Ensemble. Mit Verve werfen sie sich abwechselnd in die Rollen der Teenagerin, ihrer Großmutter, des Lauftrainers Pali oder von Lover und Bademeister Péter. Der Star hingegen ist, wie zuletzt schon bei Petras‘ Romanadaption „Kruso“ am Leipziger Schauspiel, das minimalistisch angelegte Bühnenbild, diesmal realisiert von Olaf Altmann: ein flaches, ausladendes Bassin voller Eiswürfel.

Der vereiste See

Ständig versinken die Darstellerinnen im knirschenden Eis. Egal, ob sie staksen, stampfen, tanzen oder sich darin vor dem Stoff verkriechen wollen. Der hat es nämlich in sich: Emma fühlt sich nicht nur hässlich, weil sie den schlabberigen Badeanzug ihrer toten Mutter tragen soll. Sie wird zudem als Jüdin und Kommunistin beschimpft und hat als Fremde…

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Foto © David Baltzer