Deine Augen marianengrabentief

Kornelius Friz | Kulturjournalist

Chicago“ ist die Sehnsuchtsmetropole, in die Clueso sich und seine drogenabhängige Protagonistin im gleichnamigen Song vor zehn Jahren träumte. Zumeist drehen sich Cluesos Lieder aber um eine ganz andere Stadt: Erfurt. Unablässig wirbt der Musiker seit Jahrzehnten für den provinziellen Charme seiner Heimat. In den sozialen Netzwerken und einer Zeitungsüberschrift  Anfang des Jahres wurde Erfurt bereits zum „neuen Berlin“ gekürt. Doch jetzt begeht der Clueso selbst Landflucht und verlegt seinen Lebensmittelpunkt* nicht nach Chicago, doch immerhin in die deutsche Hauptstadt. Damit lässt der einstige Teenieschwarm, mittlerweile selbst sechsunddreißig Jahre alt, auch den Erfurter Zughafen hinter sich, ein Kulturhaus, das er 2002 mitbegründete und das sein Schaffen prägte. Jetzt ist Cluesos siebtes Studioalbum erschienen. Sein Titel ist das erste, aber bei weitem nicht das größte Problem der Platte: „Neuanfang“.

Womöglich soll es neue musikalische Wege, vor allem aber neue Hörergruppen erschließen. Wenn der Sänger auf der vorigen Platte „Stadtrandlichter“ noch das Urbane der thüringischen Landeshauptstadt beschwört, stellt er nun alles Natürliche in den Mittelpunkt: „Dort, wo viel Felsen und viel Sand ist / zwischen Titanic und Atlantis / bin ich das ganze Jahr zuhaus‘“, heißt es etwa in „Neue Luft“. Überhaupt ziehen sich wildromantische Motive wie das Meer, Felsen, Sand und Wind durch die zehn Songs – für Clueso übrigens eine überaus kurze Platte – und beschreiben eine Gegenbewegung zu seinem Umzug in die Großstadt. Was zunächst paradox erscheint, zeugt beim zweiten Hören von einer endlosen Einsamkeit.

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Foto © Jennifer Stenglein