Nachts, wenn alle Katzen allein sind

Wie anstrengend es gewesen sein muss, jung zu sein. Es sind zu viele Gefühle, die ein junges Herz zu tragen hat. Zu viel Liebe für den falschen Jungen, zu viel Schmerz nach zu vielen Trennungen und zu wenige wahre Freundinnen, mit denen man darüber sprechen könnte. Statt ein Tagebuch nach dem anderen zu füllen, macht Camila Cabello ihre jugendlichen Nöte zu Popmusik.

Jeder zweite Track auf dem ersten Soloalbum der Zwanzigjährigen handelt von der Erinnerung an eine große Liebe, von schmerzhaften Trennungen und dem Noch-nicht-überwunden-Haben. Alle anderen sind Liebeslieder. Dabei inszeniert sich Cabello, die an allen Songs mitgeschrieben hat, als attraktives, aber hilfloses und vor allem melancholisches Mädchen in der Großstadt: „Who are you when it’s 3 a.m. and you’re all alone / And L.A. doesn’t feel like home?“ fragt sie sich im Lied „In the Dark“. Nachts ist die Einsamkeit naturgemäß am größten, wenn selbst die „fake friends“ einen längst verlassen haben und man mit den Schatten und den Vampiren alleine ist.

Das Album wurde zunächst als „The Hurting. The Healing. The Loving.“ angekündigt, doch „Camila“ ist der konsequentere Titel. Denn der Radius, in dem sich die Sängerin in ihren Texten um sich selbst bewegt, ist klein. Dafür sind die elf Lieder musikalisch so breit gefächert, dass es – Ed Sheeran hat es vorgemacht – geradezu beliebig wirkt.

Ein Lied bedient sich rhythmisch am Reggaeton, das nächste ist im R’n’B zuhause, bei einem dritten wird Cabello nur von einer gezupften Gitarre im Stil von Santana begleitet. Und dazwischen stecken jede Menge mit Gefühlen vollgestopfte Pianoballaden. Obwohl die Anlagen der von Frank Dukes produzierten Tracks so vielfältig scheinen, klingen sie am Ende alle recht ähnlich. Das liegt auch an Cabellos Stimme, die stets so schmeichelhaft luftig daherkommt wie der Milchschaum in den Cafés von Silver Lake. Selbst wenn sie in „Never Be the Same“ in ihr durchdringendes Falsett kippt, bleibt ihre Musik gefällig: Nichts eckt an.

Insgesamt geht es jedenfalls gefühlvoller zu als bei The Fifth Harmony, der Girlgroup, von der sich Cabello vor einem Jahr getrennt hat. Mit fünfzehn Jahren hatte sich die Tochter eines Mexikaners und einer Kubanerin…

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Foto © Sony Music